Allgemein, Food Knowledge, Sporternährung, Vegan, Veggie

Ein Jahr vegan – ein Erfahrungsbericht

Vor einem Jahr stellte ich mir eine Challenge: Mindestens 30 Tage lang vegan. Es wurden fast 365 Tage. Wie ich diese Zeit erlebt habe und welches Fazit ich für meine Ernährung als Sportlerin ziehe, erzähle ich in diesem Blogartikel.

Stellt man überzeugten Veganern die Frage, warum sie denn vegan leben, bekommt man eigentlich immer dieselben Antworten: Entweder es geht ums Abnehmen oder ums bessere Gewissen. Fragt man Sportler, die sich für diese Ernährungsweise entschieden haben, steht meist ganz deutlich der Gesundheits- und Leistungsaspekt im Vordergrund. Und so auch bei mir. Wie ich darauf kam? Ich bin ehrlich – man hat es einfach überall gelesen und Unzählige schwärmten davon, wie viel fitter und stärker sie sich fühlten, nachdem sie aufhörten, Milchprodukte und Fleisch zu verzehren. Der eigentliche Auslöser für die radikale Umstellung auf vegan war jedoch tatsächlich der Rat meines Trainers, der seit ca. 2 Jahren vegan lebt. Er sprach mich irgendwann letzten Winter auf meine unreine Haut an. Ebenso fiel ihm auf, dass ich immer wieder mit muskulären Problemen zu kämpfen hatte. Von diversen Verdauungsproblemen mitten in den Trainings erzähle ich an dieser Stelle erst gar nicht, ihr könnt es euch vorstellen 🙂 Jedenfalls meinte er, dass das Casein, welches in Milchprodukten vorkommt, extrem schwer verdaulich ist, schlapp macht und Entzündungen im Körper auslöst. Er sagte, ich solle doch mal ein paar Wochen ohne Milch leben und schauen, ob es mir besser geht. Vorher habe ich aber erst mal recherchiert…

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Typisch veganes Gericht in München: Teuer aber gesund 😉

Dass Kuhmilch (und Weizen übrigens auch) aus der Perspektive der menschlichen Evolution absolute Neulinge auf unserem Esstisch sind und aufgrund der fehlenden Anpassung unseres Verdauungssystems eine enorme Last für unseren Organismus darstellen, ist den meisten nicht bewusst. Erst vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren begannen Menschen, vereinzelt die Milch von Tieren zu nutzen. Vom heute üblichen Massenkonsum war man seinerzeit jedoch noch um Lichtjahre entfernt. Vertreter der umstrittenen Säuren-Basen-Theorie behaupten außerdem, Milch wirke säuernd auf den Körper und entziehe ihm dadurch Kalzium. Beweisen sollen das Studien, die zeigten, dass in Ländern mit hoher Verbreitung von Osteoporose auch viele Milchprodukte konsumiert würden. Und da wurde ich als Osteopenie-Patient natürlich hellhörig.

Ergo: Auf Anraten meines Trainers habe ich einfach mal Milchprodukte weggelassen. Und da einer meiner Eigenschaften die brutale Konsequenz ist, habe ich daraus gleich mal ein Voll-Vegan-Programm gemacht: Keine Milch, keine Eier, kein Fisch, kein Fleisch. Ich dachte mir: Wenn dann richtig!

Leichter gesagt als getan, denn das bedeutete für mich erst einmal Verzicht. Auf meinen geliebten Feta, Mozzarella oder ein schönes After-Workout-Omlett ging ja noch. Aber bei Joghurt, Quark und vor allem Hüttenkäse hörte der Spaß wirklich auf. Ich liebe diese Sachen einfach! Aber na gut, ich wollte einfach sehen, ob es mir gesundheitlich wirklich so gut tut, wie man überall gehört und gelesen hat. Also wurde ich von heute auf morgen vegan.

Die ersten Wochen fühlten sich einfach nur nach Verzicht an

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Quarkersatz für’s Müsli: Pürierte Früchte mit Mandelmilch und veganes Proteinpulver

Zugegeben: Die ersten zwei Wochen waren hart. Fleisch und Fisch aß ich ja schon eh kaum noch und Eier waren auch nicht weiter schlimm, aber die Milchprodukte, ja, das war schon nicht einfach. Vor allem taugen die ganzen Sojaersatzprodukte einfach absolut gar nichts! Wenn mir jemand ernsthaft erzählen will, dass ihm Sojajoghurt schmeckt, den lache ich einfach aus. Auch die ganzen Ersatzprodukte aus Lupinen oder Kokos sind erstens absolut überteuert und zweitens oftmals totale Chemiekeulen oder Fett- und Zuckerbomben. Ergo: Mein Frühstücksverhalten veränderte sich deutlich. Kein Quark oder Joghurt mit Früchten und Haferflocken mehr, das stand fest. Stattdessen mixte ich Früchte mit Mandelmilch und (nach harten oder langen Trainings) einem veganen Proteinpulver. Als ich das Pappe-Pulver irgendwann nicht mehr sehen und schmecken konnte, begann ich nach und nach, zu experimentieren. Brötchen mit Avocadocreme zum Beispiel oder selbstgebackenes veganes Bananenbrot mit selbst gemachter Marmelade. Mit der Zeit wurde ich da kreativer und fand mehr und mehr leckere Alternativen für’s Frühstück. Beim Mittag- und Abendessen musste ich mich Gottseidank nicht so radikal umstellen. Selbst beim auswärts essen konnte ich eigentlich immer etwas leckeres veganes finden. Freunde und Familie wussten außerdem von Anfang an darüber Bescheid und wenn wir mal wo eingeladen waren, wurde netterweise immer auf mich Rücksicht genommen. Es ist zumindest in den Großstädten wie München absolut kein Problem, vegan UND glücklich zu leben. Es ist alles nur eine Frage des Geldes 😉

Warum gleich ein ganzes Jahr? 

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„Not“ macht erfinderisch…z.B. mit Blumenkohlreis und Bohnen

Nach einer gewissen Umgewöhnungszeit wurde das „vegane Leben“ völlig normal für mich, es ging sozusagen in Fleisch und Blut über. Zu Hause hat mein Freund nie gemeckert, wenn es „schon wieder“ eine Bowl mit Süßkartoffel und Kichererbsen gab oder Chili sin Carne oder Salat mit Falafel. Er mochte das genauso wie ich und freute sich sogar mit mir darauf, neue Dinge auszuprobieren. Tofuwurst und Co. kam und kommt bei uns übrigens nicht ins Haus, nicht mal Tofu natur kann ich ausstehen! Ich kann aber auch nach diesem Jahr Erfahrung sagen: Das braucht man auch wirklich gar nicht, um sich ausgewogen und vollwertig ernähren zu können. Ich glaube, sonst hätte ich das auch nicht so lange durchgezogen.

Was aber noch viel wichtiger war: Nach ein paar Wochen wurde meine Haut tatsächlich viel besser! Außerdem bekam ich meine Verdauungsprobleme und Blähungen etwas besser in den Griff und ich fühlte mich fit und wohl in meiner Haut. Das „vegan sein“ begann, mir wirklich Freude zu machen und der ganze Lifestyle drum herum gefiel mir auch. Ich ließ mich zum Beispiel auch auf Instagram absolut vom veganen Hype anstecken und machte voll mit! Man hatte beinahe schon das Gefühl, ein besserer Mensch zu sein, wenn man sich als Veganer bezeichnet. Auf unserer USA Reise letztes Jahr wurde das dann nochmal bestätigt – wenn du dich dort als vegan ausgibst, bist du der totale Held und perfektes Vorbild! Klar hat mir das gefallen, wem nicht?

Fazit nach einem Jahr: Kann man mal machen

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Irgendwann hat sich sogar mein Freund dran gewöhnt. Doch irgendwas fehlte trotzdem immer…

Wie gesagt kann man vor allem in der Großstadt wunderbar vegan leben. Auch als Sportler spricht absolut nichts dagegen. Ganz im Gegenteil! Ich habe in dem Jahr zwei Halbmarathons, zwei Triathlons und ein Langzeitschwimmen bestritten sowie 6 Tage pro Woche trainiert und das mit vollster Energie. Nie hatte ich auch nur ansatzweise das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlte. Auch nach einer kürzlichen Blutuntersuchung hatte ich bessere Werte als je zuvor – nicht mal Vitamin B12- oder Eisenmangel waren zu erkennen.

Und dennoch: Heute esse ich auch mal wieder einen Quark. Oder ein Ei. Oder im Restaurant Fisch. Warum? Weil ich heute der Meinung bin, dass das Leben zu schön ist, um auf irgendetwas zu verzichten. Es kommt im Leben einfach auf die Balance an. Und eine Schale Joghurt oder Quark hat noch keinem geschadet.

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Vorkochen für’s Büro 😀

Ich habe in den letzten Jahren so vieles weggelassen oder ausprobiert und heute weiß ich mit ziemlicher Sicherheit – ich habe Gottseidank keine Unverträglichkeit oder Allergie oder sonst irgendetwas, um das ich mich scheren müsste. Ich kann eigentlich ALLES essen! Das heißt natürlich nicht, ALLES essen zu müssen, aber ALLES, auf das ich Lust habe. Und das ist einfach nun mal abends nach dem Abendessen eine Schüssel Joghurt mit Erdbeeren oder morgens mal ein Omlett oder mittags ein Salat mit Thunfisch. Es geht mir weder besser, noch schlechter damit. Doch für die Seele ist es – und das weiß ich jetzt – für mich persönlich einfach besser, mich nicht so sehr auf eine Art von Ernährung zu versteifen. Gerade im Hinblick auf meine Vergangenheit mit Essstörung und Co. erst recht. Trotzdem bin ich froh um das eine Jahr Veganismus, denn es hat mir und uns ganz neue Wege in der Küche aufgezeigt und ich esse heute nach wie vor sehr viel vegan. Einfach, weil es schmeckt und weil es gut tut 🙂

PS: Eines noch zum Ende, was mir in dem Jahr mit einem Schmunzeln hängen geblieben ist: Ich habe mich vor einer Weile mit einem netten Menschen unterhalten, der mir einen Witz über Veganer erzählt hat: „Woran erkennst du einen Veganer?“ Ich: Keine Ahnung. Er: „Er erzählt es dir“. Touché 😀 

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